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15. Juli 2012 - 09:05h | Aktualisiert: 15. Juli 2012 - 09:05h

Politik: Hilfe muss rentieren

“Politik” ist der Versuch, den Anstand zu regulieren, Regeln für ein Gemeinwesen festzuschreiben. “Zügelung der individuellen Willkür” soll “gute Sitte” werden. Formen dazu sind zum Beispiel Verfassung, Gesetz und Erlass. UNSERE Formen. Sprache und Schrift sind der Schlüssel zu diesem Regelwerk, UNSER Schlüssel, eben griechisch-römisch getrimmt. Vaudou ist auch eine Politik, eine uralte, afrikanische, die an allen Ecken und Enden mit der “unseren” zusammenstösst. Die aber in Haïti noch sehr bodenständig ist, denn beileibe nicht alle kommen aus der Diaspora, vor allem nicht die Mehrheit.

“Politik” sollte zum Wohl des Gemeinwesens beitragen, so dass auch das individuelle Wohlergehen seiner Bürger gesichert ist. So weit sind sich Vaudouisants und “Neuzeitliche” fast einig. Aber der Renditeaspekt ist nach meinem Dafürhalten typisch neuzeitlich, er fehlt bei vaudouistischen Auffassungen. Zum Beispiel dass man arbeitssüchtig, workaholic sein kann unter nahezu oder gänzlichem Verzicht auf Einkommen wie unsere Lehrerinnen, und all unsere Leute, vielleicht auch ich. Paradox, dass grosse Mächte erklären, unsere ESMONO, die Schule für Strassenkinder, sei zu klein um zu helfen – sie rentiere nicht. Was muss denn rentieren, um Null-Verdienern zu helfen? Oft habe ich das Gefühl, humanitäre oder Entwicklungshilfe denke überhaupt nur ans sogenannte ROI, das “Return on Investment”. Dann soll man das auch offen deklarieren. Logisch und weitgehend entschuldbar, dass ein Staat zuerst dem eigenen Volk, der eigenen Wirtschaft, dem eigenen Exporteinkommen helfen will. Mit “Teilen”, “Gerechtigkeit” und “humanitär” hat dies dann nichts mehr zu tun.

Und nebst den erzielten neuen Absatzmärkten die neuen “Märkte” für Ausgebildete, auch das Neue Haïti ist ein solcher. Nebst einem Arbeitsmarkt für Englischsprachige, Intellektuelle und Akademiker, Rückkehrer aus der Diaspora, die sämtliche Ämter bekleiden; sie sind jetzt da und brauchen Arbeit. Gut bezahlte. Und sie werden verallgemeinert wie alles, auch von den Medien, und damit von der Welt. Aber sie sind nicht allein. Das hiesige, das unausgebildete, nur Kréol sprechende, nie ausgeflogene, nie passeport- oder visumsbedachte, analphabetische aber singende, tanzende, trommelnde Volk wird ebenso verallgemeinert, auch von den Intellektuellen und wiederum von den Medien, und damit wiederum von der Welt, und das ist ebenso falsch. Es gibt noch ein paar andere Gruppen, von denen jede glaubt, sie sei die einzige.

Logisch, dass in schreibungewohnten Kulturen Türen mit anderen Schlüsseln geöffnet werden. Wie etwa die Maler in Gresye, die ihre Werte auf ihre Weise an die Wand verkündet haben: Papa Doc als Sinnbild von Ordnung, Arbeit und Fortschritt, er dudete allerdings gar keinen Widerstand und reagierte dann auf seine Weise. Deneben Bob Marley als Metapher für Friede, Kultur und Musik und viele andere. Ob die etwas aufdringliche Reklame für USAID eine freiwillige oder verlangte Dankbarkeit für Nahrungsmittelhilfe bedeutet, entzieht sich meiner Kenntnis. Ist aber wohl auch Politik.

In Haïti ist “Politik”, “Hilfe” zu generieren, meint dorthin zu lenken, wo es sie am wenigsten braucht. Dort zu verhindern, wo sie am Nötigten wäre. Macht dorthin zu lenken, wo diese schon sitzt, die Mächtigen NOCH mächtiger werden zu lassen, die Schwachen NOCH schwächer. Ich sage dazu nur und einmal mehr “Zweckgeheul”.

Wir führen schon das zweite Jahr unsere Strassenkinder-Schule, für die Kinder arbeitsloser Eltern, Hungernde, die kein Geld haben. Keine Schule bezahlen können. Für die Autos der “grossen Helfer” zu abgelegen wohnen. Für die “grossen Helfer” “zu klein” und “unrentabel” sind wie wir. Weil für DIE Opfer eben “rentieren” müssen.

Mehrere Lehrerinnen arbeiten nun schon das zweite Jahr gratis. Wir haben den Nutzungsvertrag für das Schulhaus um ein drittes Jahr verlängert. Gerade lassen wir von lokalen Schreinern, für ein minimes Trinkgeld aus AHV-Geld Holz zu neuen Schulbänken verwandeln. Eben sind wir daran, die Schülerzahl auf 100 zu verdoppeln. Aber die Schule rentiert halt nicht, auch nicht.

Weil ich deutsch schreibe, sind wir in diesem Sprachraum bekannt, es hilft nur nicht viel. Letzthin war ein deutsches Fernsehen da, schon das zweite, und mehrere Journalisten. Nach zwei Tagen sind sie wieder abgezogen, voller Geschichten. Die ihnen vielleicht Zeilengeld bringen. UNS bringen sie wohl wieder nichts, wie all die bisherigen Versprechen von Staaten, Hilfsorganisationen, “Grossen”. Von ihnen haben wir an Hilfe und Unterstützung NOCH GAR NICHTS erhalten. Wir sind eben “unrentabel”!

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