Was Menschenfresser träumen
Zuerst hiess der Titel “Menschenfleisch im Dampfkochtopf”. Das fanden befragte Freunde doch allzu reisserisch. Auch MEIN Eindruck, deshalb fragte ich auch etwas rum. Umgekehrt wollte ich gerade im Spiel mit Kerzen eine “Kerze” drehen, um meine gestern geschilderte Hypothese zu überprüfen. Die mit den “Kerzen” der Statistik.

Echte Kerzen sind aus Wachs, sind magisch und mystisch. Sie sind immer dabei, wenn es um Götter, Geister und Gespenster geht, bei Gebeten und beim Opferdienst. In der urafrikanischen, heute haïtianischen Gesellschaft, die seit Generationen nur mündliche Nachrichtenweitergabe kennt, hat der Glaube an Götter, Geister und Gespenster Tradition. Für diejenigen, die solche Geschichten weitergeben, sind sie wahr. Es gibt eben unterschiedliche Wahrheiten.
Zu Zeiten als ich für das Jugendfernsehen arbeitete, bedeutete man mir, meine Sendungen seien zu lehrreich, es müsste mehr Unterhaltung und Pfiff hinein, es ging ja um Einschaltquoten.. Zur Zeit scheint das Gegenteil der Fall zu sein, die Boulevardbremse ist gefragt. Jetzt sind aber Leserquoten und Schreibstil im Konflikt … Also zur Sache:
Man bezeichnet die Verspeiser von Artgenossen als Kannibalen. Sie erscheinen dem Leser als Schreckfiguren in Büchern und machen ihn gruseln. Sie gelten als längst ausgestorben und überhaupt höchstens in dunkelgrauer Urzeit existent. Doch in nichts anderem sind die Meinungen so widersprüchlich.
Menschenfresser und Zugewandte träumen deftig. Blosse Kannibalenträume? Fallen Träume auch unter das grösste Tabu aller Zeiten? Damit liessen sich ja die zwei Hauptprobleme der Menschheit auf einen Schlag lösen: Bevölkerungs-Explosion und Nahrungsmangel. Zwei Fliegen auf einen Schlag! Bei Kannibalen ist eben alles so einfach. SCHEINT so einfach.
Es beginnt schon bei den Bedingungen, ob eine Tat als Kannibalismus bezeichnet werden kann oder nicht. Ob ein Mord, also eine Tötung wie zum Beispiel bei Opferritualen notwendig ist oder ob die Verspeisung bestehender Leichenteile oder Bestandteilen von solchen für den Tatbestand bereits genügt, wie etwa bei der Zumischung gemahlener Menschenknochen in die Nahrung aus biochemischen oder magischen Gründen.
Es gibt rituelle Verzehrung von Körperteilen, in Westafrika werden in manchen Stämmen die Knochen der Ahnen zu Pulvern zerstampft, in eine alkoholische Flüssigkeit eingerührt und getrunken. Man kennt einigermassen den Kannibalismus mit rituellem oder religiösem Hintergrund. Die einen Stämme assen Teile der Gehirne oder Herzen ihrer Feinde, um deren Eigenschaften zu “ererben”, umgekehrt soll es Stämme geben, die Fleisch oder Asche ihrer verstorbenen Angehörigen verspeisen, zum Beispiel im Amazonasgebiet. Bei Indianerstämmen in Venezuela habe ich von rituell-partiellem Kannibalismus gelesen. All diese Fälle kämen aber nur noch ausnahmsweise und nur in “unzivilisierten” (fast wäre mir der Verschrieb “unverzinslichen” rausgerutscht) Kulturen vor. Am liebsten aber schweigt man das Bekannte zutod.
In “normalen” Breiten gibt es Jugendliche, die ihre “Blutsbruderschaft” mit besonders befreundeten Partnern durch Blutmischungen besiegeln und beweisen wollen, welche Dosierung braucht es da bis die Bezeichnung “partieller Kannibalismus” auch gilt, wo liegt da der Unterschied? Als Gymnasiasten machten wir Jagd auf Zeitungsartikel zum Thema, es herrschte noch der grosse Krieg. Wir lasen von Menschenfleisch in Teigtaschen, Beimischung von Menschenfleisch in Konservenbüchsen, Lampenschirmen aus Menschenhaut und Ähnlichem. Legende, Jägerlatein oder gruslige Wirklichkeit? Sicher ist nur, dass es nicht in Haïti war. Es war mitten im “entwickelten” Europa. Von krankhaften Fällen wie den deutschen Akademikern, die sich töten und verspeisen liessen, konnte man sogar in neuer Zeit lesen. Auch mitten im “entwickelten” Europa.
Es gab Extremsituationen wie z.B. beim Absturz eines Passagierflugzeuges in den südamerikanischen Anden, die Überlebenden ernährten sich von den Leichen der Getöteten. Kannibalismus wurde immer als ein riesiges Tabu gesehen, der Vorwurf des Kannibalismus sollte jemanden brandmarken, oder wie in der Zeit der Entdecker die Menschen erschrecken. Bis heute habe es, nach andern Quellen, kein Wissenschafter geschafft, den Vorwurf des Kannibalismus in irgendeiner Kultur nachzuweisen, wird auch behauptet.
Man behauptet, in der “gesunden” Natur käme solches nicht vor, obchon etwa Spinnen- und gewisse Heuschreckenweibchen ihre eigenen Männchen nach der Begattung oder Stichlingsmütter ihre Babys auffressen, wenn sie das Männchen nicht daran hindert. Demnach war die Entwicklungsgeschichte in gewissen Bereichen der Natur eben “ungesund”. Wer masst sich da wieder an, immer über alles zu entscheiden?
Auch in Haïti lebt eine Gesellschaft, die seit Generationen nur mündliche Nachrichtenweitergabe kennt. Auch in Haïti sind hinter vorgehaltener Hand Schilderungen von verspeisten Kindern und Dienstmädchen unter entsprechenden Orgien nicht auszurotten; sie sind stets von “Augenzeugnissen” glaubwürdiger Dritter “belegt”. Möglicherweise handelt es sich dabei um Produkte des weit verbreiteten Aberglaubens, die so sorgfältig versteckt werden, wie wenn sie wirklich geschehen wären. Ein auf diese Sachverhalte befragter Polizist sprach von Fehlmeldungen, die sich in Haïti und in anderen “Schreckensstaaten” auf Präsidenten und Tyrannen bezögen und den Zweck verfolgten, diese zu verunglimpfen. Allerdings seien mit seiner Ausnahme alle befreundeten Einheimischen überzeugt, dass im Geheimen solche Schreckenstaten geschähen.
Wie der Wahrheit näher kommen, weiss ich auch nicht. Wenn ein Ausländer, Wissenschafter, Polizist oder was auch immer nur am Horizont auftaucht, ist’s vorbei mit Wahrheit, und “Wahrheit” stellt sich ein. Kein Ausländer, Wissenschafter, Polizist oder was auch immer wird die Wahrheit je erleben, dafür müsste man schon Insider eines Clans sein. Und damit des Aberglaubens. Allein meine Fragerei bei solchen potentiellen “Fachleuten” erschreckt diese, und sie wischen das einfach unter den Tisch.
Ich zähle mich nicht zu den Gruselautoren. Aber das Phänomen ist mir zu oft begegnet, als dass ich es einfach verdrängen könnte. Nach “nur” 20 Jahren Haïti kann ich noch nicht mehr dazu sagen und spreche “nur” von Kannibalenträumen. Die fallen nämlich unter kein Tabu.
Die Inhalte der Kolumne geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
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