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16. September 2012 - 08:22h | Aktualisiert: 16. September 2012 - 08:22h

Die Mitleidindustrie

Die Hilfswerke haben ihre Arbeit getan, sie haben kein Geld mehr und sind abgezogen. Oder sie haben sich häuslich gemacht, zum Beispiel drüben in Gonaïves, da steht fast an jedem Haus das Schild eines Hilfswerks. An den Luxuskarossen haben sie ihre Logos zugemalt, um weniger als Bettelobjekt aufzufallen. Oder weil sie sich schämen. Denn viele Normaleinheimische vegetieren immer noch in zerrissenen Laken und fernab der Stadt. Fernab der Arbeit. Fernab der Notration. Oder warten sie auf die nächste Katastrophe, die bestimmt schon vor der Türe steht? Und manchem Einheimischen haben sie zu einer Lehre und zu einem “rechten” Beruf verholfen. Hilfswerke sind zur Industrie geworden.

Nicht alles ist Mitleidindustrie. Schon der Verdacht darauf genügt, die Spendefreudigkeit der Hilfewilligen zu trüben. Es wird immer schwieriger, echten Hilfebedarf von dieser Industrie zu unterscheiden. “Wir haben nichts davon, wir helfen uns selbst”. Sagen immer mehr Haïtis. Wie recht sie haben! Meine Reihe “Klein aber fein” zeigt solche Projekte, zum Beispiel Chemie und Boden.

Die entwickelte Welt ist verschult. Verschult, verkopft und verwickelt. Unfähig, die Probleme der Ärmsten zu lösen. Mit all ihren Universitäten, und mit den Armeen erst recht.

Wenn du mich fragst, dann sind es gerade die Universitäten, die Politiker, die Verkopften. Sie kommen in Massen zurück aus der Diaspora. Dort haben sie gelernt, zu scheinen, zu lügen, zu verlangen und zu verdienen, wenn möglich Millionen und über Nacht. Geld ist ja nur mit Zahlen bedrucktes Papier, machbar auch über Nacht. So “löst” man Probleme. Wenn man die Macht hat.

Was das heisst, mit 5 oder 10 Kindern zu überleben, aber ohne Geld, oder mit einem “Dolla” im Tag, das lernt man in den Instituten für Volkskunde, Völkerkunde, Soziologie, und da entstehen “Lösungen” in dicken Büchern, teuren Computern. Und wenn die neuen Überlebenshelfer, “Promovierte”, nennt man die, losgelassen werden, helfen sie zuerst der Autoindustrie zum Überleben, die bringt all den Gelernten nämlich Arbeit am Fliessband, wie man es in den heiligen Hallen lernt.

Wenn der eine oder andere dieser “Entwicklungshelfer” endlich “an die Front” kommt, meist aus eigenen Stücken, dann stellt er fest, dass er die Sprache dort gar nicht versteht: weder mit dem Kopf – dort spricht man Kréol – noch mit dem Herz – man gehört ja zur Götterschicht. Zu einer Schicht, vor der sich der Arme abschottet, versteckt, zittert, lügt – man sucht und sagt, was die hören wollen, nicht das was in ihren Köpfen, oder sogar “wahr” ist.

Ihre Berater sind Verbildete, Diplomierte, meist Rückkehrer aus der Fremde. Sie haben Haïtiismus in der Fremde gelernt. Das Ergebnis wird dann importiert, und gibt wieder eine neue Mischung, aus Kanada, Florida, Frankreich und so. Ich würde zuerst fragen, ob einer Englisch und Französisch spricht. Wenn er das bejaht, dann ist er unbrauchbar. Und ich würde nach der Ausbildung fragen. Wenn er promoviert ist, erst recht unbrauchbar. Manchmal genügen schon Diplome, für Unbrauchbarkeit. Nicht englisch zu sprechen, kein Diplom zu haben ist ein Vorzug, an einer Uni studiert zu haben eine Hypothek. Die Frage nach den eigenen Millionen ist schwierig, weil da ohnehin getürkt wird. Millionen sind ja fast Bedingung für die Wahlfähigkeit, also leiht man sich die von der Bank.

Plausibel die Unterschicht vertreten, den Grossteil der Bevölkerung. Sprechen lernen dass man sich versteht und vertraut, sich nicht gegenseitig misstraut. Die Ver/Ge-bildeten sprechen eine andere Sprache. Das Hauptproblem besteht in der ungeeigneten, unglaubwürdigen Entourage, in die man gestossen wird. Dass sie sich überschätzen ist das eine, dass sie sich gegenseitig bestehlen das andere. Statt Misstrauen gegen Diebe in den eigenen Reihen sind sie voller Misstrauen gegen die “Professionellen”, die , nur betteln und stehlen und nicht sprechen. Sie alle glauben noch an Magie und Geister, die stehlen wenigstens nicht.

Der Weisse wird gerne als Bank angesehen, das Geld als Allerheilmittel, die Hilfsorganisation als Münzspender und -Beregnungsapparat. Auch wenn ein Teil dieser Funktion berechtigt ist weil es ganz ohne Geld nicht geht. Dafür gibt es eigene Projekte (Banken in Wellblech).

In Köpfen und Herzen leben Götter und Geister. Der Vater im Erlkönig hat seinen besten Freund, sein geliebtes Kind durch Unglauben sterben gemacht, getötet müsste man sagen. Wenn die Indigenen hier, und wo sonst sie noch 300 Jahre im “Rückstand” sind, ihre Schauermären erzählen, die sie natürlich erleben, habe ich Verhaltens-Zweifel. Soll ich lügen und scheinbar “glauben”, dann sind sie motiviert und erleben und erzählen weiter, oder soll ich sie “töten” und stumm machen, indem ich verkünde, das existiere nicht nach unserem Glauben? Wie unsere Kleinkinder mit Christkind und Osterhas, Samichlaus (St. Nikolaus) und anderen Fabel- und Symbolfiguren

Der Unterschied zwischen dem Vater und dem geliebten Kind, den Verbildeten und den Ungebildeten ist unüberwindbar. So wie beim Erlkönig, wo der Vater einfach geschwinder reitet und das sterbende Kind nicht versteht, solang es noch lebt (Erlkönig und die Entwicklungshilfe).

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